Wer weiss schon, was eine «gute Schule» ist?
- Daniel Hunziker

- 28. März
- 2 Min. Lesezeit

Wer behauptet zu wissen, was eine gute Schule ist, outet sich als Ausblender verschiedener Betrachtungsweisen. Denn aus Sicht eines entwicklungsverzögerten oder eines hochbegabten Kindes – oder aus Sicht der Eltern und Lehrpersonen mit ihren sehr unterschiedlichen Biografien und Prägungen – wird „gut“ sehr wahrscheinlich sehr unterschiedlich aussehen.
Vor rund 180 Jahren, als die Volksschule gegründet wurde, war „gut“ anders als heute. Es war eine andere Zeit mit einer anderen Gesellschaft und anderen Vorstellungen und Erfordernissen.
Schule ist zu jeder Zeit ein Spiegelbild der Gesellschaft, hat eine Funktion für sie und einen Auftrag von ihr.
Grundbildung für alle, Ordnung, Verlässlichkeit, Anpassungsfähigkeit und Disziplin waren damals zentrale Werte. Das Prinzip von Kirche und Militär: "Glaube, was man dir sagt und tu, was man dir befiehlt", hatten höchsten Stellenwert. Das erklärt bis heute viele Strukturen, die an unseren Schulen nach wie vor prägend sind: Jahrgänge, Takt, Stoffpläne, Prüfungen, Vergleich, Belohnung und Bestrafung.
Heute ist die Gesellschaft weniger stabil, weniger linear und weniger vorhersehbar. Sie ist schneller, komplexer und stärker von Unsicherheit, Vielfalt und Wandel geprägt. Entsprechend verschieben sich die Erwartungen an Schule: Neben Grundbildung soll sie junge Menschen befähigen, mit Komplexität umzugehen, selbstorganisiert zu handeln, zu kooperieren, sich zu regulieren, Verantwortung zu übernehmen, sich in einer digitalen Welt zu orientieren und weiterzulernen, wenn noch nicht klar ist, was morgen genau verlangt wird. Gleichzeitig wächst der Anspruch, dass Schule integrieren, schützen, gesund halten und Chancengerechtigkeit ermöglichen soll – und dennoch vergleichbar beurteilen und selektieren muss. Allein daran wird sichtbar:
„Gute Schule“ ist heute kein einfacher Zustand, sondern ein Spannungsfeld.
Eine grosse Konstante über alle Generationen und gesellschaftlichen Veränderungen hinweg ist jedoch die Art und Weise, wie Kinder sich naturgemäss entwickeln – und wie Lernen nachhaltig funktioniert. Kinder brauchen Bindungssicherheit, Zugehörigkeit und Wertschätzung, um offen zu bleiben. Lernen wird dann tragfähig, wenn es bedeutsam ist, emotional beteiligt und praktisch anwendbar erlebt wird. Was unter Druck, Angst oder Beschämung gelernt wird, verschwindet meist nach kurzer Zeit zusammen mit den unangenehmen Emotionen im Unterbewusstsein, wird selten lebendig, integrierbar und langfristig verfügbar. Entwicklung verläuft zudem nicht im Gleichschritt: Reifung braucht Zeit, und Kinder sind in unterschiedlichen Lebensphasen auf unterschiedliche Weise auf Unterstützung, Autonomie, Grenzen und Resonanz angewiesen.
Will man sich aus all diesen Erkenntnissen einer Idealvorstellung annähern, was heute für einen möglichst grossen Teil aller Schülerinnen und Schüler, deren Eltern und Lehrpersonen sowie für Gesellschaft und Berufswelt eine „gute Schule“ ist, dann nützt kein noch so einseitiges Ideologisieren. Hilfreich ist Reflexion, Auseinandersetzung, Klärung, Verstehenwollen. Zum Beispiel mit diesen Fragen:
Woher stammen viele „alte Zöpfe“, die nach wie vor an Schulen kultiviert werden – und welche davon sind weder zeitgemäss noch für kindliche Entwicklung oder wirksame Lernprozesse dienlich?
Welche gesellschaftlichen Anforderungen werden heute berechtigterweise an Schulen gestellt, damit Schulabgänger den Herausforderungen in Gesellschaft und Beruf gewachsen sind?
Wie verläuft die natürliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen wirklich: Was brauchen sie, um zu gedeihen – und wie müssen Lernprozesse gestaltet sein, damit daraus Lebenskompetenzen und Lust am lebenslangen Lernen entstehen?
Zum Reflektieren
Welche Vorstellung von „guter Schule“ trage ich in mir – und woher kommt sie?
Welche Aspekte blende ich bei meiner Vorstellung einer „guten Schule“ aus?
Welche Perspektive fehlt in meinen Diskussionen am häufigsten: die der Kinder, der Eltern, der Lehrpersonen, der Berufswelt, der Entwicklungslogik, des Lernens?

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